Andrea Klosowski                                 Tel.:  +49 (0) 2327 / 71812                                     mobil  +49 (0) 179 / 1264054                                      mail andreart@andreart.eu                                                         

  • Facebook Social Icon

Neue Wege Gehen

„Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann. Alles ist austragen – und dazu gebären….“ R. M. Rilke

 

 

In den Bildern von Andrea Klosowski tritt uns keine laute Gestik, kein expressives Farb- und Formgeschehen, keine die Bildwirkung übertönende Inhaltlichkeit entgegen, die jene „stille Entwicklung“, von der das Rilke-Gedicht spricht, stören könnte.

 

„Mein Traum ist eine Kunst von Gleichgewicht, Reinheit, Ruhe ohne beunruhigende oder die Aufmerksamkeit überformende Sujets“. H. Matisse

 

Gleichgewicht, Ruhe, Harmonie – es sind jene Gestimmtheiten, die auch ihre Arbeiten prägen. Grundlage dafür ist eine im Verlauf ihrer künstlerischen Entwicklung zunehmende Reduktion und Vereinfachung der Form. Zwei bildnerische Ebenen begegnen sich im Dialog. Da sind zum einen Farbfelder in lockerer geometrisch-konstruktiver Setzung – zumeist von rechteckiger Gestalt. Ihre Ausrichtung ist bestimmt von horizontalen bildparallelen Verläufen.

Die bildbestimmende Horizontale trägt entscheidend zu jenem Ausdruck von Ruhe und Harmonie bei.

 

Auf diesem malerischen Grund mit seiner gedämpften Farbigkeit, seinem leichten Wechselspiel von Dichte und Transparenz, Fläche und Raum, seiner verhalten differenzierten materialen Strukturierung von Sand und Acryl zeichnen sich lineare, ebenfalls horizontal ausgerichtete Bewegungen ein. In unregelmäßigen Stärken und Abständen durchziehen ihre Reihen den malerischen Grund, überlagern oder verbinden sich mit ihm – werden zum aktivierenden Movens des Bildes. Wege, Spuren, Leitlinien des Blicks entstehen, begeben sich gleichsam auf eine Reise durch die Bildwelt.

Ihre aus repetitiven Mustern entstehenden Rhythmen bilden ein reiches Spektrum von Formvariationen und Zeitcharakteren.

Da begegnet das fließende Kontinuum von Wellenbewegungen den gebrocheneren Rhythmen von Punkt-, Kreis-Strichreihen. Langsamkeit trifft auf Schnelligkeit.

 

Zuweilen wirken die Bahnen wie gespannte Seile, auf denen skizzen- oder schemenhaft angedeutet – kleine Gestaltbildungen von Menschen, Tieren – Balanceakte zu vollziehen scheinen. Manchmal denkt man auch an Paul Klee, an seine Fabulierlust, seine Bildgeschichte mit dem Titel

„Spaziergänge mit der Linie ins Land der besseren Erkenntnis“.

 

Die die Bildsprache bestimmende Rhythmisierung musikalisiert die Bildfläche, macht sie gleichsam zu einer Partitur, in der ein reiches Klangfeld die Balance zwischen Bewegung und Ruhe, Bild-Ordnung und Bild-Geschehen hält. Dabei wird auch die Freiheit der „ungestörten Entwicklung“ des Bildnerischen in ihren Arbeiten zugelassen. Das dichte Flächengewebe mit seinem Ordnungsmuster erfährt immer wieder kleine Störungen, Brüche, Verwischungen, Übermalungen, spontan und den Zufall einbeziehende malerische Eingriffe – wie Flecken, Spritzer.

 

Mit diesen informellen Vorgängen erweist sich Malerei als ein prozesshaftes, offenes Bildgeschehen, das innerhalb des Bildgefüges dieses auch „geschehen lässt“ – mit all seinen Zufällen, seinem beständigen Formwandel von Werden und Vergehen, Gestaltbildung und Auflösung – parallel zum Leben, parallel zur Natur.

 

Diese prozesshafte Offenheit findet ihre Entsprechung in der Bildanlage. In ihr gibt es keine rahmenden Begrenzungen. Die innerbildlichen Rhythmen fließen weiter über den Bildrand hinaus, werden zu einem universellen Klang. Jedes Bild erscheint so als ein Ausschnitt aus dem Unendlichen der sich immer wieder neu formenden und entformenden Kräfte.

 

„Wir alle sind Wellen ein- und desselben Meeres“ sagte der amerikanische Maler M. Tobey. Zu dieser Erkenntnis, in der alle Dinge gleichwertig erscheinen, in der es keine Hierarchien gibt, sich Alles mit Allem, gleichsam in einer „All-over“-Struktur verbindet, führte und führt für viele Künstler die Begegnung mit asiatischer Philosophie und orientalischen Kulturen – so auch für Andrea Klosowski.

 

Im Orient steht das Ornament mit seinem dichten Flächengewebe, seinen auf Wiederholung und Variationen aufbauenden Mustern, wie sie u.a. auf Stoffen und Teppichen zu finden sind, für eben jenen allumfassenden, ganzheitlichen Rhythmus, in dem – wie es im Islam heißt – der gleiche Geist Kuppel und Essnapf beseelt.

 

Es sind jene Begegnungen, jene Suche nach „besserer Erkenntnis“ als Reise nach Innen, aus denen die bewegte Ruhe und der still atmende Rhythmus ihrer Arbeiten schöpft. In einer Zeit zunehmender Geschwindigkeit laden ihre Werke zu einer Entschleunigung ein, werden zu einem meditativen Angebot für den Betrachter, das „durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann“

 

 

Eva Maria Schöning M.A.

Kunsthistorikerin Museum Bochum